Impulse Theater Festival

Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr

13.— 23. Juni 2019

Zweiter Versuch über das Turnen


Am Eröffnungsabend wird das Festival zum Turnfest. Acht Darsteller*innen führen auf der Bühne ein Schauturnen auf. Symmetrisch und synchron soll dieser deutsche Volkskörper sein – wer die Leibesübungen durch wiederholte Abweichung stört, muss gehen. Eine Inszenierung über die ambivalente Funktion des Turnens in der deutschen Geschichte.

13.06.19 20:30 Tagesprogramm

Der Eintritt ist frei.
Anmeldung nicht mehr möglich. Restplätze gegebenefalls am Abend vor Ort.

tanzhaus nrw
Sprache: Deutsch mit englischen Übertiteln

© Gianmarco Bresadola
© Gianmarco Bresadola
© Gianmarco Bresadola
© Gianmarco Bresadola

Die Turnbewegung nahm ihren Anfang im frühen 19. Jahrhundert, als Friedrich Ludwig Jahn einen Geheimbund gründete, der sich für die Befreiung von der napoleonischen Besetzung und ein geeintes Deutschland engagierte — mit dem Turnen wollte er die deutsche Jugend auf einen Kampf gegen die Franzosen vorbereiten. 1811 turnte die Gruppe erstmals öffentlich, zwei Jahre später sollen zum ersten großen Schauturnen bereits zehntausend Zuschauer*innen erschienen sein. Im Lauf der Jahrhunderte fanden an verschiedenen als „deutsch“ markierten Orten Turnfeste statt: in Berlin, Frankfurt und Wien, in den afrikanischen Kolonien, im südamerikanischen Exil. Im Blick auf diese Veranstaltungen erscheint „Deutschland“ als imaginäre Gemeinschaft mit dem Schauturnen als Probe für die Zugehörigkeit, die durch Leistung erlangt, durch Versagen aber auch wieder eingebüßt werden kann.

In ZWEITER VERSUCH ÜBER DAS TURNEN treten die Mitglieder der Gruppe Hauptaktion als Anwärter*innen auf diese Zugehörigkeit auf. Unter dem strengen Auge einer Schiedsrichterin bringen sie die Choreografien der Turnbewegung zur Aufführung und verschneiden die Übungen mit einem Gang durch die Geschichte, die den „deutschen Körper“ immer wieder neu definiert. Von einer unbekannten Zukunft im Jahr 2028 über ein Turnfest, das 2017 unter dem Motto „Wie bunt ist das denn!“ stattfand, bis zum ersten Wehrturnen 1813 auf der Berliner Hasenheide.

Credits

Von und mit: Jonaid Khodabakhshi, Dennis Kopp, Quindell Orton, Jasmina Rezig, Hannah Saar, Isabel Schwenk, Julian Warner, Oliver Zahn
Technische Betreuung: Caroline Creutzburg
Assistenz: Nele Hussmann, Azeret Koua
Dramaturgie: Josef Bairlein
Gastspielbetreuung: Rat&Tat Kulturbüro
Kontakt für Gastspielanfragen: Rat&Tat Kulturbüro, info@ratundtat-kulturbuero.de / Oliver Zahn, oliver[a]hauptaktion.de

Produktion

Eine Produktion von HAUPTAKTION. Koproduziert mit den Münchner Kammerspielen, SPIELART München, dem HAU Hebbel am Ufer Berlin, der Schwankhalle Bremen, dem Theater Rampe Stuttgart und ARGEkultur Salzburg. In Kooperation mit dem Pavillon Hannover. Gefördert durch die Landeshauptstadt München, den Bezirk Oberbayern, die Lotto-Sport-Stiftung Niedersachsen und TANZFONDS ERBE — eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes.

Biografien

Jonaid Khodabakhshi ist Veranstaltungstechniker und Lichtgestalter. Er beschäftigt sich seit 2010 mit Theater und bildender Kunst und arbeitete eng mit der Gruppe CADAM. und dem Rationaltheater München zusammen. Seit 2014 begleitet er regelmäßig die Produktionen von Oliver Zahn und der Gruppe Hauptaktion. Darüber hinaus betreibt er mit dem Bildhauer und Performance-Künstler Boris Maximowitz die Initiative treibgut, einen temporären Lagerraum, in dem die beschleunigte Obsoleszenz von Materialien aller Art verhindert wird. Jonaid Khodabakhshi ist gelernter Autodidakt und studiert derzeit Paternität an der Ludus Vitalis in München.

Dennis Kopp studierte an der Universität Hildesheim Szenische Künste und Inszenierung der Künste und Medien. Als Lichtgestalter und Gastspieltechniker mit dramaturgischer Zusatzfunktion ist er u. a. tätig für cobratheater.cobra, Henrike Iglesias, christians//schwenk, Markus&Markus und Thermoboy FK. Für seine Soloperformance „Let me be the object of your desire“ erhielt er 2013 den Jurypreis des 100°-Festivals in Berlin und den Jurypreis des Arena-Festivals in Erlangen. Zurzeit tourt die Folgeproduktion „Ein bisschen mehr muss man schon sehen oder: Wie ich mich in einen Schmetterling verwandelte“.

Quindell Orton hat an der Western Australian Academy of Performing Arts studiert. Sie arbeitet als freie Tänzerin und Choreografin in Australien und Deutschland — mit Künstler*innen wie Anna Konjetzky, CADAM. und Hauptaktion/Oliver Zahn aus Deutschland sowie Shona Erskine und Chrissie Parrott aus Australien. 2008 gründete sie die Gruppe Anything Is Valid Dance Theatre. Ihre Arbeiten werden bei Institutionen und Festivals in Europa und Australien präsentiert.

Jasmina Rezig studierte Musikwissenschaften an der Universität Leipzig und Schauspiel- und Musiktheaterregie an der Theaterakademie August Everding in München. Seit 2015 arbeitet sie gemeinsam mit anderen Künstler*innen und Ärzt*innen der psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München an einem inklusiven Theaterprojekt. Jasmina Rezig ist außerdem als Komponistin und Musikerin tätig und gewann 2011 gemeinsam mit ihrem Ensemble Mr. Hyde den Preis für Komposition des Festivals für zeitgenössische Musik der Leipziger Baumwollspinnerei.

Hannah Saar studierte Theater- und Kulturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an der Central School of Speech and Drama in London. Sie arbeitete als Regieassistentin, Produktionsleiterin und Dramaturgin für Theater, die fest an einem Platz stehen, sowie mit Künstler*innen und Gruppen, die durch die freie Szene flottieren (u. a. Damian Rebgetz, Alexander Giesche, The Agency, Anta Helena Recke und, gemeinsam mit Julian Warner und Oliver Zahn, die künstlerische Forschungsgesellschaft Hauptaktion). Hannah Saar ist Mitbegründerin der Initiative für Solidarität am Theater und seit der Spielzeit 2018/19 feste Dramaturgin am Theater Oberhausen.

Isabel Schwenk studierte Inszenierung der Künste und der Medien an der Universität Hildesheim mit Schwerpunkt Theater. Sie arbeitet als Performerin für das Syndikat Gefährliche Liebschaften und ist Teil des Kollektivs christians//schwenk. 2015 gewann christians//schwenk für die Produktion „J.U.D.I.T.H.“ den Jurypreis des 100°-Festivals in Berlin und den Preis der Bürgerstiftung Hildesheim für Junge Talente. 2016 wurde christians//schwenk zu BEST OFF Niedersachsen eingeladen. Als Dramaturgin arbeitet Isabel Schwenk für verschiedene Kollektive und Einzelpersonen in den Bereichen Theater, Performance und Film.

Julian Warner war von 2015 bis 2018 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie der Georg-August-Universität Göttingen und lehrt an den Universitäten Göttingen und Hildesheim sowie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 hat er als Performer und Dramaturg mit Oliver Zahn diverse Performances erarbeitet. Er war Ethnograf und Dramaturg von Anta Helena Reckes Schwarzkopie von „Mittelreich“ (eingeladen zum Theatertreffen 2018), ist Co-Herausgeber des Sammelbandes „ALLIANZEN – Kritische Praxis an weißen Institutionen“ (Transcript, 2018) und war 2019 Co-Kurator von „Impossible Bodies #2“ am Künstlerhaus Mousonturm.

Oliver Zahns choreografisch-diskursive Performance-Essays kreisen oft um die Pole Geschichte, Nationalismus, Körper. Die Basis dafür bilden ausgiebige Recherchen — ethnografisch, archivbasiert und im Selbstversuch. Neben „Situation mit ausgestrecktem Arm“ (über die Kulturgeschichte der „Hitlergruß“-Geste), „Situation mit Doppelgänger“ (mit Julian Warner; über kulturelle Aneignung im Tanz, Imitation und Minstrel Shows) und ZWEITER VERSUCH ÜBER DAS TURNEN (mit sieben Kollaborateur*innen) entstand zuletzt die Arbeit „Teutona“. Oliver Zahns Arbeiten touren international.