Impulse Theater Festival

Köln, Mühlheim an der Ruhr, Düsseldorf

Save the date: 14.–24. Juni 2020

Alexandra Berlinger / Martin Wagner: SIE SPRITZT, ER SPRITZT (KONSUMFREIRAUM)

Installation
14.—23.06. 00:00–24:00

Verschiebung
14.—22.06. 12:00–12:30, 17:00–17:30
23.06. 12.00–12.30, letzte Verschiebung: 18:00–19:00

Neumarkt, Haltestelle „Neumarkt“
Ohne Sprache

Der Neumarkt ist Kölns wichtigster Drogenumschlagplatz — mitten in der zentralen Shoppingzone. Im vergangenen Jahr wurde die Polizeipräsenz massiv erhöht, und viele der Verstecke, die für den Konsum genutzt worden waren, wurden unzugänglich gemacht. Alexandra Berlinger und Martin Wagner machen diese Verdrängung sichtbar: Sie kartografieren die provisorischen Konsumverhinderungsarchitekturen und stellen mitten auf dem Neumarkt eine Holzbox auf, wie sie an anderer Stelle ehemals für den Drogenkonsum genutzte Treppenabgänge verdeckt. Flankiert wird die Box von der Adaption einer denkmalgeschützten Reklame für Kölsch — jenes Suchtmittel, das die Identität einer ganzen Stadtgesellschaft prägt. Ein Versuch über Lust und Sucht, Rausch, Angst und Verdrängung sowie die Frage, warum und wie die Gesellschaft zwischen legalem und illegalem Konsum unterscheidet.

© Alexandra Berlinger
© Alexandra Berlinger
© Alexandra Berlinger
© Robin Junicke
© Alexandra Berlinger
© Alexandra Berlinger

Stellungnahme zur Installation „Sie spritzt, er spritzt (Konsumfreiraum)“ auf dem Neumarkt

18. Juni 2019

„Sie spritzt, er spritzt (Konsumfreiraum)“ ist eine Arbeit des Wiener Künstlerduos Alexandra Berlinger und Martin Wagner. Sie besteht aus einer Adaption des „Reissdorf- Männchens“ und einer Holzbox, die zweimal täglich von den Künstler*innen verschoben wird. Teilweise beteiligen sich auch Passant*innen spontan an der Verschiebung. Außerdem stehen die Künstler*innen zu diesen Zeiten zu einem direkten Austausch über das Projekt zur Verfügung. Beide Teile der Arbeit sind vom 14. bis 23. Juni 2019 auf dem Neumarkt zu sehen.

Die Arbeit entstand auf Einladung des Impulse Theater Festivals (ein Projekt des NRW KULTURsekretariats), das sich in seinem diesjährigen Stadtprojekt „Angstraum Köln“ mit Ängsten beschäftigt, die immer wieder durch die Medien geistern und die gesellschaftliche Spaltung vorantreiben. Neben „Sie spritzt, er spritzt (Konsumfreiraum)“, das sich mit der Angst vor Drogen auseinandersetzt, gibt es Projekte zu der Angst vor dem Islam (Antje Schupp: „Blind Date Islam“), der Angst vor Prostitution (Natalie Ananda Assmann/Rana Farahani: „Sex Drive – wem gehört die Straße?“) und der Angst vor nicht-weißen Männern (Julian Warner/Oliver Zahn: „Sexismus, Rassismus und Nationalismus. Eine Probe/Eine Kundgebung“).

„Angst“ wurde als ortsspezifisches Thema für Köln gewählt, weil der Diskurs um die „Silvesternacht“ beispielhaft zeigt, wie Ängste für politische Agenden instrumentalisiert werden. Mit „Angstraum Köln“ möchte das Impulse Theater Festival dazu einladen, die oftmals skandalisierten Themenfelder in ihrer ganzen, widersprüchlichen Komplexität zu betrachten. Verdrängte Aspekte sollen sichtbar und erfahrbar werden. Für den künstlerischen Leiter des Impulse Theater Festivals Haiko Pfost ist dieser Ansatz typisch für das Freie Theater: „In diesem Kooperationsprojekt mit der studiobühneköln verknüpfen wir brennende Fragen unserer Zeit mit einem lokalen Kontext — eine Herangehensweise darstellender Kunst, die in der Freien Szene entstanden ist.“

Alle Arbeiten wurden im Laufe einer einjährigen Recherche entwickelt. In deren Verlauf haben die Projektbeteiligten eine Vielzahl unmittelbar Betroffener zu Interviews getroffen und in Archiven recherchiert, darunter u. a. Frauen gegen Gewalt e.V., Gewerkschaft der Polizei NRW, DİTİB — Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. Köln, Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Köln, DOMiD e.V. (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland), FrauenMediaTurm — feministisches Archiv und Bibliothek und Verein der Förderer des Austauschs deutscher und syrischer Kultur e.V. Am Neumarkt hat das Team mit Sozialarbeiter*innen und Anwohner*innen gesprochen und bei der Bürgerinitiative Zukunft Neumarkt zweimal per Email einen Gesprächstermin angefragt, jedoch keine Antwort erhalten.

Alle an „Angstraum Köln“ beteiligten Künstler*innen sind im jeweiligen Themenfeld erfahren. Martin Wagner ist seit 17 Jahren Mit-Betreiber des Projektraums Fluc am Wiener Praterstern. Der Praterstern gilt als einer der wichtigsten Drogenumschlagplätze der Stadt. Die Perspektive eines Anliegers, der einen Umgang mit den durch den offenen Handel und Konsum verursachten Problemen finden muss, ist Martin Wagner also aus eigener Erfahrung vertraut.

Mit „Sie spritzt, er spritzt (Konsumfreiraum)“ möchten Alexandra Berlinger und Martin Wagner Drogenabhängigkeit mitnichten verharmlosen. Vielmehr möchten sie auf die Verdrängung und Unsichtbarmachung des Problems hinweisen: „Wir wollen hier nicht die Gefahren beider Suchtmittel vergleichen, sondern auf die Stigmatisierung und Verdrängungsprozesse hinweisen, denen Drogenabhängige ausgesetzt sind“, sagt Martin Wagner. Denn im vergangenen Jahr wurde die Polizeipräsenz am Neumarkt massiv erhöht und viele der Verstecke, die für den Konsum genutzt worden waren, wurden unzugänglich gemacht — so z.B. am Josef-Haubrich-Hof, wo verschlossene Holzboxen über Treppenabgängen aufgestellt wurden. Für Martin Wagner „eine reine Kosmetik-Aktion“. Die Holzbox auf dem Neumarkt ist eine vom Künstlerduo selbst gebaute Kopie dieser Boxen. Alexandra Berlinger und Martin Wagner nennen die Boxen „Konsumfreiräume“. Mit dem Begriff verweisen sie darauf, dass der öffentliche Raum vom unerwünschten Konsum befreit wird, gleichzeitig aber auch nicht für den erwünschten Konsum zur Verfügung steht, der sich rund um den Neumarkt in der Shoppingzone abspielt. Mit der Verschiebung über den Platz möchte das Künstlerduo auf die Verdrängung der Drogenabhängigen von ihren ursprünglichen Konsumorten aufmerksam machen. Eine Dezentralisierung der Angebote für Suchtkranke, wie sie die Bürgerinitiative Zukunft Neumarkt fordert, verschiebt das Problem aus Sicht des Künstlerduos nur, anstatt es zu lösen. Das konkrete Hilfsangebot eines Konsumraums vor Ort am Neumarkt hatte die Initiative abgelehnt. In einer Stellungnahme unter dem Titel „Ist das Kunst oder kann das weg?“ unterstreicht sie stattdessen mit der Forderung nach dezentralen Hilfsangeboten ihre Agenda einer Verdrängungspolitik auf Kosten der Schwächsten.

Mit der Adaption des „Reissdorf-Männchens“, das seit 1968 am Rudolfplatz installiert ist, verweist das Künstlerduo auf eine der stärksten Mächte im öffentlichen Raum: die Wirtschaft, deren Interessen in Marketing, Eventkultur und Reklame sichtbar werden und die Wahrnehmung der Innenstädte dominieren. Durch Maßstab und Bildsprache der adaptierten Leuchtreklame erlangen kritische Stimmen Gleichstellung im Wettstreit um die Bilddominanz: Alexandra Berlinger und Martin Wagner möchten damit auf einen weiteren Aspekt der Verdrängung hinweisen. In den sechziger Jahren galt Bier noch als Männergetränk — der Slogan „Er trinkt, sie trinkt“ zielt auf die weibliche Konsumentin als neue Zielgruppe, und damit die weitere Etablierung der Droge Alkohol. Das Suchtpotential des Alkohols und die gefährlichen Folgen des Alkoholkonsums hingegen werden in der Gesellschaft bis heute weitgehend verdrängt. So prägt der Konsum von Kölsch seit Jahrzehnten die Identität einer ganzen Stadtgesellschaft. Berlinger/Wagner möchten mit der Adaption der denkmalgeschützten Reklame die Frage aufwerfen, warum und wie zwischen legalem und illegalem Konsum unterschieden und wie dieser jeweils bewertet wird. „Sowohl bei Bier als auch bei härteren Drogen geht es um Konsum. Beim einen betrachtet die Gesellschaft den Konsum als legitim, beim anderen nicht.“ „Sie spritzt, er spritzt (Konsumfreiraum)“ wendet sich gegen die Stigmatisierung und Unsichtbarkeit der Konsumenten illegaler Drogen: „Dadurch, dass wir diese Konstruktionen auf einem zentralen Platz zeigen, wollen wir auch die Schutzbedürftigkeit der Suchtkranken sichtbar machen“, sagt Alexandra Berlinger.

Unterstützung findet diese Perspektive bei Gesundheits- und Sozialdezernent Prof. Dr. Harald Rau,der zum Kölner Express sagte: „Ich freue mich, dass auch Kulturschaffende das problematische Thema ‚öffentlicher Drogenkonsum‘ aufgreifen und es so einmal aus ganz anderer Perspektive in der Stadtgesellschaft sichtbar wird. […] Ich bin dafür, hinzuschauen und für die suchtkranken Menschen wie auch für die vom öffentlichen Drogenkonsum beeinträchtigten Anwohnerinnen und Anwohner sowie Geschäftsinhaber durch konkrete Maßnahmen Hilfestellungen anzubieten und die Situation zu verbessern. Diesen Ansatz verfolgt die Stadt Köln mit dem niedrigschwelligen Drogenhilfeangebot mit Konsumraum.“ Die Hilfestellung für Drogenkonsument*innen vor Ort am Neumarkt kann aus Sicht der Projektbeteiligten bei lokalen Gewerbetreibenden aber natürlich durchaus legitime Ängste vor einer Abwertung des Platzes hervorrufen.

Das übergeordnete Anliegen der Projektbeteiligten ist es, das Thema „Drogen“ mit dem künstlerischen Mittel der satirischen Überhöhung ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und eine Diskussion anzustoßen. Daher ist die mediale Aufmerksamkeit für das Künstlerduo erfreulich. Am Neumarkt treten Alexandra Berlinger und Martin Wagner selbst in den direkten Austausch mit Passant*innen: „Das Feedback der Menschen ist überwiegend positiv. Auch einige Drogenkonsumenten selbst haben gesagt, dass sie es gut finden, wenn das Problem thematisiert wird“, sagt Alexandra Berlinger.

Förderer des Gesamtprojekts „Angstraum Köln“ ist die Kunststiftung NRW, die die Förderung wie folgt begründet: „Projekte wie ‚Angstraum Köln‘ sind elementare Gratmesser gesellschaftlicher Befindlichkeiten an neuralgischen Punkten, indem sie tief in den inneren Kern einer Gesellschaft vordringen und ihre soziale Kompetenz wie auch die Sollbruchstellen ihrer Demokratiefähigkeit auf den Prüfstand stellen.


Alexandra Berlinger studierte an der Universität für angewandte Kunst Wien. Von 2002 bis 2016 bildete sie gemeinsam mit Wolfgang Fiel die Gruppe tat ort. tat ort beschäftigten sich mit der kritischen Untersuchung konkreter Situationen, aus denen sie unter Verwendung unterschiedlichster Medien, Methoden und kollektiver Beteiligungsformen künstlerische Interventionen entwickelten. tat ort wurden 2008 mit dem Emerging Visual Artist Award des BMUKK ausgezeichnet. Alexandra Berlingers Arbeiten wurden zuletzt im Palais Thurn und Taxis in Bregenz, beim Südtiroler Künstlerbund in Bozen, im Kunsthaus Wien und bei der EXPO 2015 in Mailand gezeigt.

Martin Wagner studierte an der Universität für angewandte Kunst Wien und an der Universität Wien. Er ist Gründungsmitglied der Künstlergruppe [ dyʼna:mo ] (seit 1996) und des Kunst- und Musikclubs Fluc in Wien (seit 2002). Seine künstlerische Arbeit umfasst Installationen und Performances mit Klang und Licht sowie Projekte im öffentlichen Raum. Er kuratierte zahlreiche Ausstellungen im Fluc und im öffentlichen Raum.