Impulse Theater Festival

Köln, Mühlheim an der Ruhr, Düsseldorf

Save the date: 14.–24. Juni 2020

Akademie #2 — Überwinde Dich!

Freies Theater zwischen Ermächtigung und Selbstoptimierung
20.-23.06., Ringlokschuppen Ruhr
Leitung: Jascha Sommer und Sina-Marie Schneller (Cheers for Fears)
Sprache: Deutsch und Englisch

Die ständige Reflexion und Veränderung der eigenen künstlerischen Praxis und ihrer Bedingungen ist für Theaterschaffende der Freien Szene ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Während in der Vergangenheit allerdings die Kritik an der Institution „Theater“ im Vordergrund stand, ist das Freie Theater mittlerweile selbst zur Institution geworden. Damit stellt sich die Frage neu, in welche Richtung die Szene und ihre Strukturen verändert und „verbessert“ werden sollen — und für wen.

Die gegenwärtigen Bestrebungen lassen sich in diesem Zusammenhang als Ermächtigung der Szene und ihrer Akteur*innen beschreiben, aber auch als Optimierung auf individueller und institutioneller Ebene: Verbände setzen sich für professionellere Strukturen, die Sichtbarkeit der Szene und eine Erhöhung der Fördermittel ein. Künstler*innen nehmen Fortbildungen in Anspruch und entwickeln ihre Handschrift in Mentoringprogrammen und Feedbacksessions fort. Solidarische Netzwerke arbeiten daran, Machtverhältnisse in Institutionen und Gruppen zu enthierarchisieren und Exklusionsmechanismen aufzulösen. 

Die AKADEMIE lädt dazu ein, im Rahmen mehrtägiger Workshops und einer Konferenz den schmalen Grat zwischen Selbstoptimierung und Ermächtigung zu betrachten. Wie verändern strategisch geplante Arbeitsprozesse das Selbstverständnis der Künstler*innen und ihre Arbeiten? Welche Auswirkungen haben solidarische Organisationsformen? Und welche Rolle könnte dem Freien Theater künftig in Kulturpolitik und Gesellschaft zukommen? Ist es kritisches Korrektiv, Experimentierfeld oder doch vielmehr Vorbild für die effiziente Kulturinstitution von morgen?


Die AKADEMIE #2 ist eine Koproduktion mit Cheers for Fears. Cheers for Fears wird gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW und von der Kunststiftung NRW.


© Christian Herrmann
© Sven Neidig
© Stephan Glagla

21.06. Konferenz

10:00–12:30 UNDER CONTROL? — Steuerung und Optimierung in künstlerischen Prozessen

Sprache: Englisch und Deutsch

Managementtechniken sind allgegenwärtig: Life- und Businesscoaches, Trainer*innen und Berater*innen machen vor, wie sich Alltag und Arbeit steuern, berechnen und optimieren lassen — vom eigenen Wohlbefinden über die Leistungsfähigkeit und den Arbeitsprozess bis hin zu den Ergebnissen. Auch im Freien Theater und in der künstlerischen Ausbildung schlägt sich diese Entwicklung nieder. Theaterschaffende werden von Mentor*innen und Coaches begleitet, künstlerische Arbeiten in Workshops und Feedbackgesprächen weiterentwickelt und abgeschlossene Projekte evaluiert. Aber ist das schon die Garantie für gute Kunst? Und wie viel Raum bleibt da noch für ergebnisoffenes Arbeiten, Intuition und Improvisation? Künstler*innen und Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen diskutieren die Zusammenhänge zwischen Kunstpraxis und Managementdiskursen, reflektieren, welche Auswirkungen Techniken der Leistungs- und Qualitätssteigerung auf Künstler*innen und künstlerische Ergebnisse haben, und diskutieren mögliche Alternativen zur gegenwärtigen Entwicklung.

Keynote von Axel Haunschild (Arbeitswissenschaftler, Leibniz-Universität Hannover)

Impulse und Diskussion von und mit: Sara Brandtstedt (selbstständige Managementcoachin), Dragana Bulut (Choreografin, mit HAPPYOLOGY im Impulse-SHOWCASE), Stefan Hölscher (Institut für Theaterwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum), Axel Haunschild (Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Universität Hannover), Cecilie Ullerup Schmidt (Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft, Universität Kopenhagen)

12:30–14:30 Pause und künstlerisches Programm

Mit Ale Bachlechner, THIS IS NOT A COMPETITION, Noam Brusilovsky, PARURESIS, und katze und krieg, AUF DEM GEPARDEN

14:30–17:00 OPTIMIERTE SZENE? — Transformationen des Freien Theaters zwischen Institutionalisierung, Empowerment und neuen Allianzen

Sprache: Englisch und Deutsch

Die Freie Szene hat sich in den vergangenen Jahren erfolgreich für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Förderetats und eine breitere Sichtbarkeit eingesetzt. Vielerorts reflektieren Theaterschaffende darüber, wie sie Machtstrukturen auflösen, neue Zugangsmöglichkeiten schaffen und sich solidarischer organisieren können. Das Panel versucht eine Bestandsaufnahme: Wie haben sich die künstlerischen Prozesse und deren Ergebnisse durch diese Entwicklungen verändert? Wie divers und solidarisch ist die Szene wirklich? Und wer sitzt im Publikum? Kann sich die Freie Szene weiterhin als kritisches Korrektiv behaupten? Und welche Rolle kann und will sie in Kulturpolitik und Gesellschaft künftig einnehmen: widerständiges Feld, etablierte Kulturinstitution — oder irgendetwas dazwischen?

Keynote von Marta Keil (Performing Arts Institute, Warschau)

Impulse und Diskussion von und mit: Melmun Bajarchuu / Adele Dittrich Frydetzki (INITIATIVE für SOLIDARITÄT am THEATER), Matthias Frense (Ringlokschuppen Ruhr), Julian Kamphausen (Performing Arts Programm), Marta Keil (Performing Arts Institute, Warschau), Moritz Kotzerke (Wem gehört die Kunst?), S.E. Struck / Philine Velhagen (PALAIS TEMPORÄR) und Elisa Liepsch / Julian Warner (Herausgeber*innen „Allianzen: Kritische Praxis an weißen Institutionen“)

Im Anschluss Shuttle zum SHOWCASE in Düsseldorf

Biografien

Ale Bachlechner ist Performance- und Videokünstlerin und arbeitet im Gemeinschaftsatelier city center studio in Köln. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Mediale Künste an der Kunsthochschule für Medien Köln. Ihre Arbeiten umfassen die temporäre Dating-Agentur „Twelve Roses“ (2013) in Beirut, Libanon, das Perfomance-Coaching-Institut „This Is Not A Competition“ (2016) und das Online-Fernsehformat „Studio Hallo“ (2018). Seit 2018 ist sie Mitglied des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Melmun Bajarchuu studierte Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft in Hamburg. Sie arbeitet in den Grenzbereichen von Kunst, Theorie und Politik als Denkerin, Diskurspartnerin, Kuratorin, Dramaturgin und künstlerische Produktionsleiterin mit besonderem Interesse an post-strukturalistischen, post-kolonialen und queer feministischen Themen. Daneben forscht sie zu mikropolitischen Widerstandspraktiken in den darstellenden Künsten und ist Teil der INITIATIVE für SOLIDARITÄT am THEATER.

Sara Brandtstedt ist Beraterin, Trainerin und Coach und begleitet Veränderungsprozesse in Unternehmen, Konzernen und Organisationen. Ihre Schwerpunkte liegen in der Entwicklung von Teams, in der Begleitung von Transformationsprozessen in Organisationen und in der Inspiration von Menschen für „New Work“ und Leadership in einer agilen Welt.

Noam Brusilovsky ist Autor und Regisseur. Er studierte an der Thelma Yellin High School of the Arts in Israel und ab 2012 Theaterregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. In den letzten Jahren hat er als Hörspielautor und Regisseur kontinuierlich mit dem Deutschlandfunk und dem Südwestrundfunk zusammengearbeitet. Am Theater realisierte er seine Projekte in den Sophiensælen Berlin und am Konzert Theater Bern. Seine Theaterproduktionen gastierten auf mehreren Festivals, seine Hörspiele wurden auf allen ARD-Sendern ausgestrahlt und mehrfach ausgezeichnet. 2018 wurde er in der Kritiker*innenumfrage von „Theater heute“ in der Kategorie „Nachwuchsautor des Jahres“ nominiert.

Dragana Bulut studierte Solo/Dance/Authorship am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin der Universität der Künste Berlin. Seit 2005 entwickelt sie eigene choreografische Arbeiten, in denen sie durch die Aneignung gesellschaftlicher Choreografien verschiedene Konfigurationen von Ästhetik, Arbeit und Ökonomie hinterfragt. Für ihre spielerischen und gleichzeitig kritischen Arbeiten wurde sie mit dem Prix Jardin d’Europe 2010 European Prize for Young Choreographers ausgezeichnet. In der Generation 2013/15 war sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude.

Adele Dittrich Frydetzki studierte Angewandte Kulturund Theaterwissenschaft in Hildesheim, Gießen und Warschau. In ihrer Arbeit interessiert sie sich für die Anwendung kritischer Theorien auf theaterästhetische und institutionelle Praktiken mit dem Ziel, diese fröhlich-kritisch zu transformieren. Neben ihrer künstlerischen Arbeit mit der freien Hildesheimer Gruppe DIE SOZIALE FIKTION kollaboriert sie als Co-Regisseurin, Kuratorin, Übersetzerin und Performerin in Projekten ihrer Zeitgenoss*innen in der Freien Szene und in Stadt- und Staatstheatern. Jüngste Projekte: Willkommen Anderswo Festival Bautzen und „Mittelreich“ mit Anta Helena Recke. Sie ist Teil der INITIATIVE für SOLIDARITÄT am THEATER.

Matthias Frense ist Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim. Er studierte Drama an der University of Hull und Schauspieltheaterregie an der Hamburger Theaterakademie. Während seines ersten Engagements am Thalia Theater Hamburg arbeitete er u. a. mit Jürgen Flimm, Dimiter Gotscheff, George Tabori und Robert Wilson. Als Produktionsleiter war Frense für den Cirque du Soleil in München und die Ruhrtriennale in Essen tätig. Unter der Intendanz von William Forsythe produzierte er zwischen 2002 und 2004 eine Vielzahl von Theaterarbeiten und interdisziplinären Kunstprojekten am TAT Frankfurt. Seit 2006 kuratiert er das Theaterprogramm des Ringlokschuppen Ruhr.

Axel Haunschild ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Er lehrte an den Universitäten Hamburg, Innsbruck und Trier sowie am Royal Holloway College der University of London. Seine Forschungsgebiete sind u. a. neue Arbeits- und Organisationsformen, kreative Industrien und Künstlerarbeitsmärkte, Mitbestimmung und work-life-boundaries. Aktuell ist er mit einem Projekt zur Freien Theaterszene (mit Franziska Schößler, Uni Trier) an der DFG-Forschergruppe „Krisengefüge der Künste. Institutionelle Transformationsdynamiken in den darstellenden Künsten der Gegenwart“ beteiligt.

Julian Kamphausen arbeitet seit 1994 in den darstellenden Künsten, davon acht Jahre im Staats- und Stadttheater. Neben eigenen Kunstprojekten, wie z. B. balafo.de für die Kulturstiftung des Bundes, arbeitet er häufig auch als Showregisseur, inszenierte z. B. die Gala „Künstler gegen Aids“ oder die Feier zum fünfzigsten Gründungstag von Amnesty International. Er konzipiert und kuratiert Kongresse, u. a. seit 2013 den jährlichen Branchentreff der freien darstellenden Künste für das Performing Arts Programm und seit 2016 die Performersion, eine Kooperation des Performing Arts Programm mit re:publica zur Vernetzung immersiver und darstellendender Künste. Seit 2018 leitet er mit Susanne Schuster das Festival Hauptsache Frei in Hamburg.

katze und krieg sind die beiden Performancekünstlerinnen katharinajej und Julia Dick. Sie leben und arbeiten in Köln. Kennengelernt haben sie sich 2007 während ihres Studiums an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. In größter Entschleunigung gehen sie gemeinsam im wunderschönen Ballkleid bei Aldi einkaufen, rütteln laut schreiend an Laternen und Zäunen, um das Animalische wiederzuerwecken, oder eröffnen mitten in der Fußgängerzone ein Geschäft, in dem sie Performances, die sämtliche Bedürfnisse erfüllen, verkaufen. Sie intervenieren im deutschsprachigen und internationalen Raum im Rahmen von Ausstellungen und Festivals — u. a. 2018 beim Stadtprojekt des Impulse Theater Festivals.

Marta Keil ist Kuratorin in den darstellenden Künsten, Forscherin und Dramaturgin sowie Co-Leiterin des Performing Arts Institute in Warschau. Zwischen 2012 und 2017 kuratierte sie mit Grzegorz Reske das Festival Konfrontacje Teatralne in Lublin. Sie gründete und kuratierte die East European Performing Arts Platform und war von 2014 bis 2015 Leiterin der Programmabteilung des Teatr Polski in Bydgoszcz. Als Kuratorin und Dramaturgin hat sie u. a. mit Agnieszka Jakimiak, Rabih Mroué, Agata Siniarska und Ana Vujanović gearbeitet. Sie unterrichtet an der SWPS University of Social Sciences and Humanities in Warschau und hat mehrere Bücher herausgegeben, u. a. „Choreography: Politicality“ (2018) und „Reclaiming the Obvious: on the Institution of Festival“ (2017).

Moritz Kotzerke studierte Kommunikationsdesign in Düsseldorf und transdisziplinäre Gestaltung im Graduiertenprogramm Heterotopia der Folkwang Universität der Künste. Er initiierte dieses Jahr im Hamburger Fundus Theater einen Flüsterkongress und forscht zu alternativen Praktiken von Versammlung. Für den Kongress „Wem gehört die Kunst?“ entwickelte er 2017 mit Celine Bellut und Christian Berens einen Workshop zum Verhältnis von Komplexität und Kunst und war danach Teil des engeren Arbeitskreises der zweiten Projektphase von „Wem gehört die Kunst?“. U. a. co-moderierte er die Gemeinsame Mittelvergabe im AZ Mülheim an der Ruhr und war als Panel-Teilnehmer bei der (Inter-)Kulturkonferenz 2018 involviert.

Elisa Liepsch arbeitet als Dramaturgin am Künstler*innenhaus Mousonturm Frankfurt, zuvor u. a. mit Frie Leysen bei Theater der Welt 2010 und am Deutschen Nationaltheater / e-werk Weimar. Gemeinsam mit Julian Warner und Matthias Pees hat sie das Buch „Allianzen: Kritische Praxis an weißen Institutionen“ herausgegeben. Ab Herbst 2019 wird sie für die Beursschouwburg Brüssel tätig sein.

Sina-Marie Schneller studierte Theater- und Literaturwissenschaft in Bochum. Sie ist freie Moderatorin, Programmgestalterin und Netzwerkerin. Als Koordinatorin der Mobilen Akademie Cheers for Fears und als Vorstandsmitglied des Landesbüros Freie Darstellende Künste NRW arbeitet sie für die Vernetzung von jungen Kunstschaffenden und Wissenschaftler*innen und die Vervielfältigung ihrer Arbeits- und Kollaborationsmöglichkeiten.

Jascha Sommer ist Performance- und Videokünstler, Programmgestalter und Moderator. Als Künstlerischer Leiter der Mobilen Akademie Cheers for Fears initiiert er gemeinsam mit Sina-Marie Schneller genreübergreifende künstlerische Begegnungen im Rahmen von Festivals, Sommerakademien und Produktionen. Er hat Literatur- und Theaterwissenschaft sowie Szenische Forschung an der Ruhr-Universität Bochum und der Université Paris X Nanterre La Défense studiert. Zurzeit absolviert er ein Postgraduiertenstudium an der Kunsthochschule für Medien in Köln.

Cecilie Ullerup Schmidt ist Performancekünstlerin, Theoretikerin, Kuratorin und promoviert zurzeit an der Universität Kopenhagen. Sie studierte Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft in Kopenhagen sowie als Gast Theaterwissenschaft an der FU Berlin und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Von 2011 bis 2016 unterrichtete sie Theorie im Rahmen des BA Dance, Context, Choreography am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin. In ihrer Dissertation untersucht sie Zeitlichkeit und Vermessung eigener Arbeiten bei jungen Performancekünstler*innen im Kontext des Bologna-Prozesses. Sie interessiert sich für kollektive Organisationsformen und infrastrukturelle Performances als Reaktionen auf die Anforderungen des Neoliberalismus und struktureller Prekarität.

Julian Warner arbeitet als freier Kulturanthropologe an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturanthropologie der Georg-August-Universität Göttingen. Als Performer und Dramaturg hat er mit Oliver Zahn und als Teil von HAUPTAKTION diverse Performances erarbeitet. Julian Warner war Ethnograf und Dramaturg bei Anta Helena Reckes Schwarzkopie von „Mittelreich“, ist Co-Herausgeber des Sammelbandes „Allianzen: Kritische Praxis an weißen Institutionen“ und arbeitet als Kurator am Künstler*innenhaus Mousonturm Frankfurt am Main und an den Sophiensælen Berlin. Er hat Lehraufträge an den Universitäten Göttingen und Hildesheim und an der LMU München.

20.–23.06. Workshops


Workshop 1: DAS SELBST. Ein Toolkit post-patriarchaler Selbstoptimierung
Magdalena Emmerig / Rahel Gloria Spöhrer (THE AGENCY) und ein Personal Trainer
Sprache: Deutsch

Wie muss mein Selbst gestaltet sein, damit ich in der Welt des Freien Theaters bestehen
kann? Brauche ich „männlich“ konnotierte Qualitäten, um anerkannt zu werden und erfolgreich zu sein – und möchte ich sie überhaupt verkörpern? Welche alternativen Qualitäten und Selbsterzählungen lassen sich finden? Gemeinsam mit dem Künstlerinnenkollektiv THE AGENCY und einem Personal-Trainer entwickeln die Teilnehmer*innen ein Counter-Toolkit, das der radikalen Selbstanalyse der von uns verkörperten patriarchalen und neoliberalen Strategien dient und Werkzeuge beinhaltet, die uns helfen, auf eine antipatriarchale Weise zu agieren und die oftmals gegenderten Logiken von Normierung, Effizienz, Power und Ausschluss zu unterwandern. In readings, Gesprächen, Selbst- und Systemanalysen, physical exercises, digitaler Recherche und der Beschäftigung mit künstlerischen Praktiken und Arbeiten werden Tools für die Imagination eines post-patriarchalen Selbst entwickelt.

Biografien

Magdalena Emmerig ist Kostüm- und Bühnenbildnerin. Nach einer Ausbildung zur Maßschneiderin am Theater Augsburg ging sie nach Berlin, arbeitete u. a. mit Constanza Macras und Thomas Bo Nilsson und studierte Kostüm- und Bühnenbild an der weißensee kunsthochschule berlin. Gemeinsam mit Belle Santos, Rahel Gloria Spöhrer und Yana Thönnes gründete sie das Performancekollektiv THE AGENCY und ist in diesem als Bühnen- und Kostümbildnerin sowie Performerin tätig. THE AGENCY experimentiert auf immersive Weise mit den Erscheinungsformen des Neoliberalismus. Die Performances, in die Zuschauer*innen sanft eingebunden werden, kreisen um subversive Handlungsmöglichkeiten unter den Bedingungen des Post-digitalen.

Rahel Gloria Spöhrer ist Dramaturgin und Performerin. Während des Studiums der Rechtswissenschaft, der Philosophie und der Kulturwissenschaft assistierte sie u. a. Phil Collins, Dominic Huber, Anna-Sophie Mahler, Hans-Werner Kroesinger und Damian Rebgetz. 2015 gründete sie gemeinsam mit Magdalena Emmerig, Belle Santos und Yana Thönnes THE AGENCY. Zuletzt war ihre Arbeit „Perfect Romance“ an den Münchner Kammerspielen und den Sophiensælen Berlin zu sehen, die Arbeit „Medusa Bionic Rise“ wurde bei Tanz im August in Berlin und bei der Athens Biennale gezeigt. 2018/19 recherchiert THE AGENCY zum Thema „Neue Männlichkeit“ und reist dafür im Rahmen des „Bloom Up“-Stipendiums des Rodeo Festivals für Residencies nach Japan und München.


Workshop 2: DIE ARBEIT. Feedback zwischen kollektivem Eigensinn und Marktkonformität

Manolis Tsipos / Billy Mullaney (Alumni DAS Theatre Amsterdam) und Cecilie Ullerup Schmidt (Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft, Universität Kopenhagen)
Sprache: Englisch

Welche Art von Theater entsteht, wenn Arbeitsstände in Feedbackformaten fortlaufend zur Disposition gestellt werden? Verändert das kollektive Nach- und Weiterdenken die Handschrift der Künstler*innen? Entstehen daraus wachere und weniger selbstbezogene künstlerische Positionen — oder vielmehr glatte Produkte, die auf dem Kunstmarkt optimal funktionieren? Gemeinsam mit den Künstlern Billy Mullaney und Manolis Tsipos (Alumni DAS Theatre Amsterdam) und der Kulturwissenschaftlerin Cecilie Ullerup Schmidt (Promovendin an der Universität Kopenhagen) diskutieren die Teilnehmenden diese Fragen und erproben anhand eigener Arbeitsbeispiele verschiedene Kritikformate.

Biografien

Billy Mullaney ist Künstler und Lehrer in den Feldern Theater, Choreografie und Performancekunst. In seiner Performance- und Lehrtätigkeit beschäftigt er sich mit Darstellungspraktiken in verschiedenen Räumen, den Betrachtungsweisen, die sie hervorrufen, und damit, wie Interventionen in erstere letztere beeinflussen können. Er arbeitet solo und häufig zusammen mit Emily Gastineau unter dem Namen Fire Drill. Billy Mullaney studiert im Master bei DAS Theatre und ist Artist in Residence bei WOW Amsterdam.

Manolis Tsipos arbeitet genreübergreifend als Performancekünstler und Mentor in der europäischen Szene zeitgenössischer darstellender Kunst. Er gibt weltweit Workshops über die DasArts-Feedback-Methode und schreibt sowohl Prosa (Bühnentexte und Romane) als auch Lyrik, die bislang in Griechenland, Frankreich und den USA veröffentlicht wurde. Er hat einen Masterabschluss in Theater von DasArts und in Umweltpolitik und -management von der Universität der Ägäis. Zudem ist er Gründungsmitglied des Institute for Live Arts Research (bis 2014) und des Performancekollektivs Nova Melancholia (bis 2011).

Cecilie Ullerup Schmidt ist Performancekünstlerin, Theoretikerin, Kuratorin und promoviert zurzeit an der Universität Kopenhagen. Sie studierte Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft in Kopenhagen sowie als Gast Theaterwissenschaft an der FU Berlin und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Von 2011 bis 2016 unterrichtete sie Theorie im Rahmen des BA Dance, Context, Choreography am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin. In ihrer Dissertation untersucht sie Zeitlichkeit und Vermessung eigener Arbeiten bei jungen Performancekünstler*innen im Kontext des Bologna-Prozesses. Sie interessiert sich für kollektive Organisationsformen und infrastrukturelle Performances als Reaktionen auf die Anforderungen des Neoliberalismus und struktureller Prekarität.


Workshop 3: DIE ORGANISATION. Kämpfe für Solidarität und Teilhabe in den Strukturen des Freien Theaters

Melmun Bajarchuu / Adele Dittrich Frydetzki (INITIATIVE für SOLIDARITÄT am THEATER) und Marta Keil (Performing Arts Institute, Warschau)
Sprache: Englisch

Welcher Praktiken bedarf es, um im Theater solidarische Organisationsformen, die Öffnung von Entscheidungsprozessen und gerechte Zugangsmöglichkeiten durchzusetzen? Und wie verändert sich Theaterarbeit, wenn sich die Beteiligten an einem Haus oder in einer Produktion als Kompliz*innen begreifen, die ihre eigene Position und ihre Privilegien befragen? Wirken sich diese Kämpfe allein auf die Arbeitsbedingungen oder auch auf die Ergebnisse künstlerischer Arbeit und ihre öffentliche Wahrnehmung aus? Und wie kann es gelingen, sich nicht nur selbst zu bespiegeln, sondern diese Kämpfe stets auch als Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen zu denken? Diese Fragen diskutieren die Teilnehmenden gemeinsam mit Melmun Bajarchuu und Adele Dittrich Frydetzki von der INITIATIVE für SOLIDARITÄT am THEATER und Marta Keil vom Performing Arts Institute in Warschau anhand von eigenen Erfahrungsberichten, Konzepten und Ideen für alternative Organisationsformen.

Biografien

Melmun Bajarchuu studierte Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft in Hamburg. Sie arbeitet in den Grenzbereichen von Kunst, Theorie und Politik als Denkerin, Diskurspartnerin, Kuratorin, Dramaturgin und künstlerische Produktionsleiterin mit besonderem Interesse an post-strukturalistischen, post-kolonialen und queer feministischen Themen. Daneben forscht sie zu mikropolitischen Widerstandspraktiken in den darstellenden Künsten und ist Teil der INITIATIVE für SOLIDARITÄT am THEATER.

Adele Dittrich Frydetzki studierte Angewandte Kulturund Theaterwissenschaft in Hildesheim, Gießen und Warschau. In ihrer Arbeit interessiert sie sich für die Anwendung kritischer Theorien auf theaterästhetische und institutionelle Praktiken mit dem Ziel, diese fröhlich-kritisch zu transformieren. Neben ihrer künstlerischen Arbeit mit der freien Hildesheimer Gruppe DIE SOZIALE FIKTION kollaboriert sie als Co-Regisseurin, Kuratorin, Übersetzerin und Performerin in Projekten ihrer Zeitgenoss*innen in der Freien Szene und in Stadt- und Staatstheatern. Jüngste Projekte: Willkommen Anderswo Festival Bautzen und „Mittelreich“ mit Anta Helena Recke. Sie ist Teil der INITIATIVE für SOLIDARITÄT am THEATER.

Marta Keil ist Kuratorin in den darstellenden Künsten, Forscherin und Dramaturgin sowie Co-Leiterin des Performing Arts Institute in Warschau. Zwischen 2012 und 2017 kuratierte sie mit Grzegorz Reske das Festival Konfrontacje Teatralne in Lublin. Sie gründete und kuratierte die East European Performing Arts Platform und war von 2014 bis 2015 Leiterin der Programmabteilung des Teatr Polski in Bydgoszcz. Als Kuratorin und Dramaturgin hat sie u. a. mit Agnieszka Jakimiak, Rabih Mroué, Agata Siniarska und Ana Vujanović gearbeitet. Sie unterrichtet an der SWPS University of Social Sciences and Humanities in Warschau und hat mehrere Bücher herausgegeben, u. a. „Choreography: Politicality“ (2018) und „Reclaiming the Obvious: on the Institution of Festival“ (2017).


Workshop 4: DIE SZENE. Zwischen kritischem Korrektiv und effizienter Kulturinstitution
S.E. Struck / Philine Velhagen (PALAIS TEMPORÄR) und Julian Kamphausen (Performing Arts Programm)
Sprache: Deutsch

In den letzten Jahren ist die Freie Szene zu einem ernst zu nehmenden, international
vernetzten kulturpolitischen Player geworden. Gleichzeitig agieren viele freie Theaterschaffende nach wie vor in improvisierten Strukturen — sei es aufgrund mangelnder Unterstützung durch die lokale bzw. regionale Kulturpolitik oder aufgrund einer bewussten eigenen Entscheidung. Welche Rolle will das Freie Theater zukünftig in Kulturpolitik und Gesellschaft einnehmen? Ist es nach wie vor kritisches Korrektiv und Experimentierfeld oder vielmehr Vorbild für die wendige und effiziente Kulturinstitution von morgen? Und ist professioneller und besser ausgestattet automatisch besser? S.E. Struck (SEE!) und Philine Velhagen (Drama Köln), die in Köln mit dem PALAIS TEMPORÄR ein künstlerisches Labor und mobiles Zentrum ohne institutionelle Anbindung geschaffen haben, laden gemeinsam mit Julian Kamphausen (Performing Arts Programm) zur Diskussion über Zukunftsmodelle für das Freie Theater.

Biografien

Julian Kamphausen arbeitet seit 1994 in den darstellenden Künsten, davon acht Jahre im Staats- und Stadttheater. Neben eigenen Kunstprojekten, wie z. B. balafo.de für die Kulturstiftung des Bundes, arbeitet er häufig auch als Showregisseur, inszenierte z. B. die Gala „Künstler gegen Aids“ oder die Feier zum fünfzigsten Gründungstag von Amnesty International. Er konzipiert und kuratiert Kongresse, u. a. seit 2013 den jährlichen Branchentreff der freien darstellenden Künste für das Performing Arts Programm und seit 2016 die Performersion, eine Kooperation des Performing Arts Programm mit re:publica zur Vernetzung immersiver und darstellendender Künste. Seit 2018 leitet er mit Susanne Schuster das Festival Hauptsache Frei in Hamburg.

S.E. Struck ist Künstlerin, Regisseurin und Choreografin. Sie absolvierte ein sechsjähriges Studium in japanischem Butoh-Tanz und ist in Alexander-Technik und Body-Mind Centering ausgebildet. 2005 gründete sie gemeinsam mit Alexandra Knieps das Performancelabel SEE!. Seit 2007 gehört sie zum künstlerischen Team von Peter Licht. Seit 2015 lehrt sie regelmäßig an der Universität Siegen, am Institut für Kunst und Kunsttheorie der Universität zu Köln und an der Fachhochschule Dortmund. Gemeinsam mit Angie Hiesl, Stephanie Thiersch und Philine Velhagen arbeitet sie derzeit an PALAIS TEMPORÄR, einer mobilen sozialen Skulptur, die dezentrale Visionen für die performativen Künste in Köln entwirft.

Philine Velhagen ist Theater- und Hörspielmacherin. Sie studierte Theaterwissenschaft und Komparatistik an der LMU München. Nach dem Studium assistierte sie am Theater Basel u. a. bei Christoph Schlingensief, Stefan Pucher und Barbara Frey. Seit 2002 hat sie zahlreiche Projekte und Stücke im In- und Ausland realisiert, oftmals gemeinsam mit der Theatermacherin und Drehbuchautorin Barbara te Kock. In ihren Hörspielen unterwirft sie sich selbst und andere im Rahmen „angewandter Recherchen“ real existierenden Versuchsanordnungen. Aktuell arbeitet sie an verschiedenen Radio- und Theaterformaten für den öffentlichen und den privaten Raum und gemeinsam mit SEE!, Angie Hiesl und Stephanie Thiersch an PALAIS TEMPORÄR, einer mobilen sozialen Skulptur, die dezentrale Visionen für die performativen Künste in Köln entwirft.