Impulse Theater Festival

Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr

13.— 23. Juni 2019

Akademie #2 — Überwinde Dich!

Freies Theater zwischen Ermächtigung und Selbstoptimierung
20.-23.06., Ringlokschuppen Ruhr
Leitung: Jascha Sommer und Sina-Marie Schneller (Cheers for Fears)
Sprache: Deutsch und Englisch

Die ständige Reflexion und Veränderung der eigenen künstlerischen Praxis und ihrer Bedingungen ist für Theaterschaffende der Freien Szene ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Während in der Vergangenheit allerdings die Kritik an der Institution „Theater“ im Vordergrund stand, ist das Freie Theater mittlerweile selbst zur Institution geworden. Damit stellt sich die Frage neu, in welche Richtung die Szene und ihre Strukturen verändert und verbessert werden sollen — und für wen.

Die gegenwärtigen Bestrebungen lassen sich in diesem Zusammenhang als Optimierung im Wettstreit um öffentliche Gelder und Programmplätze beschreiben, aber auch als Optimierungstendenz auf individueller und institutioneller Ebene: Verbände setzen sich für professionellere Strukturen, die Sichtbarkeit der Szene und eine Erhöhung der Fördermittel ein. Künstler*innen nehmen Fortbildungen in Anspruch und entwickeln ihre Handschrift in Mentoringprogrammen und Feedbacksessions fort. Solidarische Netzwerke arbeiten daran, Machtverhältnisse in Institutionen und Gruppen zu enthierarchisieren und Exklusionsmechanismen aufzulösen.

Die Akademie lädt dazu ein, im Rahmen mehrtägiger Workshops und einer Konferenz den schmalen Grat zwischen Selbstoptimierung und Ermächtigung zu betrachten. Wie verändern strategisch geplante Arbeitsprozesse das Selbstverständnis der Künstler*innen und ihre Arbeiten? Welche Auswirkungen haben solidarische Organisationsformen? Und welche Rolle könnte dem Freien Theater künftig in Kulturpolitik und Gesellschaft zukommen? Ist es kritisches Korrektiv und Experimentierfeld oder doch vielmehr Vorbild für die effiziente Kulturinstitution von morgen?

© Christian Herman
© Robin Junicke
© Björn Storck

21.06. Konferenz

10:00–12:30 UNDER CONTROL? Steuerung und Optimierung in künstlerischen Prozessen

Sprache: Englisch und Deutsch

Management-Techniken sind allgegenwärtig: Life- und Businesscoaches, Trainer*innen und Berater*innen machen vor, wie sich Alltag und Arbeit steuern, berechnen und optimieren lassen – vom eigenen Wohlbefinden über die Leistungsfähigkeit und den Arbeitsprozess bis hin zu den Ergebnissen. Auch im Freien Theater und in der künstlerischen Ausbildung schlägt sich diese Entwicklung nieder. Theaterschaffende werden von Mentor*innen und Coaches begleitet, künstlerische Arbeiten in Workshops und Feedbackgesprächen weiterentwickelt und abgeschlossene Projekte evaluiert. Aber ist das schon die Garantie für gute Kunst? Und wie viel Raum bleibt da noch für ergebnisoffenes Arbeiten, Intuition und Improvisation?

Künstler*innen und Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen diskutieren die Zusammenhänge zwischen Kunstpraxis und Managementdiskursen, reflektieren, welche Auswirkungen Techniken der Leistungs- und Qualitätssteigerung auf Künstler*innen und künstlerische Ergebnisse haben, und diskutieren mögliche Alternativen zur gegenwärtigen Entwicklung.

Keynote von Axel Haunschild (Arbeitswissenschaftler an der Leibnitz-Universität Hannover)

Impulse und Diskussion von und mit: Sara Brandtstedt (Selbständige Managementcoachin), Dragana Bulut (Choreografin, mit HAPPYOLOGY im Impulse-SHOWCASE), Stefan Hölscher (Institut für Theaterwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum), Axel Haunschild (Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Universität Hannover), Cecilie Ullerup Schmidt (Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft, Universität Kopenhagen)

12:30-14:30 Pause und künstlerisches Programm

Mit Noam Brusilovsky, PARURESIS, und katze und krieg, AUF DEM GEPARDEN

14:30–17:00 OPTIMIERTE SZENE? Transformationen des Freien Theaters zwischen Institutionalisierung, Empowerment und neuen Allianzen

Sprache: Englisch und Deutsch

Die Freie Szene hat sich in den vergangenen Jahren erfolgreich für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Förderetats und eine breitere Sichtbarkeit eingesetzt. Vielerorts reflektieren Theaterschaffende darüber, wie sie institutionelle Machtstrukturen auflösen, neue Zugangsmöglichkeiten schaffen und sich solidarischer organisieren können. Das Panel versucht eine Bestandsaufnahme: Wie haben sich die künstlerischen Prozesse und deren Ergebnisse durch diese Entwicklungen verändert? Wie divers und solidarisch ist die Szene wirklich? Und wer sitzt im Publikum? Kann sich die Freie Szene weiterhin als kritisches Korrektiv behaupten? Und welche Rolle kann und will sie in Kulturpolitik und Gesellschaft künftig einnehmen: widerständiges Feld, etablierte Kulturinstitution — oder irgendetwas dazwischen?

Keynote von Marta Keil (Performing Arts Institute Warschau)

Impulse und Diskussion von und mit: Melmun Bajarchuu / Adele Dittrich Frydetzki (Initiative für Solidarität am Theater), Matthias Frense (Ringlokschuppen Ruhr), Julian Kamphausen (Performing Arts Programm), Marta Keil (Performing Arts Institute Warschau), Moritz Kotzerke (Wem gehört die Kunst ), S. E. Struck / Philine Velhagen (Palais Temporär) und Elisa Liepsch /Julian Warner (Herausgeber „Allianzen. Kritische Praxis an weißen Institutionen“)

20.–23.06. Workshops

Workshop 1: DAS SELBST. Ein Toolkit post-patriarchaler Selbstoptimierung

Leitung: Magdalena Emmerig / Rahel Gloria Spöhrer (THE AGENCY) und ein Personal-Trainer
Sprache: Deutsch

Wie muss mein Selbst gestaltet sein, damit ich in der Welt des Freien Theaters bestehen kann? Brauche ich „männlich“ konnotierte Qualitäten, um anerkannt zu werden und erfolgreich zu sein – und möchte ich sie überhaupt verkörpern? Welche alternativen Qualitäten und Selbst-Erzählungen lassen sich finden? Gemeinsam mit dem Künstlerinnenkollektiv THE AGENCY und einem Personal-Trainer entwickeln die Teilnehmer*innen ein Counter-Toolkit, das der radikalen Selbst-Analyse der von uns verkörperten patriarchalen und neoliberalen Strategien dient und Werkzeuge beinhaltet, die uns helfen, auf eine antipatriarchale Weise zu agieren und die oftmals gegenderten Logiken von Normierung, Effizienz, Power und Ausschluss zu unterwandern. In readings, Gesprächen, Selbst- und Systemanalysen, physical exercises, digitaler Recherche und der Beschäftigung mit künstlerischen Praktiken und Arbeiten werden Tools für die Imagination eines post-patriarchalen Selbst entwickelt.

Workshop 2: DIE ARBEIT. Feedback zwischen kollektivem Eigensinn und Marktkonformität

Manolis Tsipos / Billy Mullaney (Alumni DAS Theatre Amsterdam) und Cecilie Ullerup Schmidt (Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft, Universität Kopenhagen)
Sprache: Englisch

Welche Art von Theater entsteht, wenn Arbeitsstände in Feedbackformaten fortlaufend zur Disposition gestellt werden? Verändert das kollektive Nach- und Weiterdenken die Handschrift der Künstler*innen? Entstehen daraus wachere und weniger selbstbezogene künstlerische Positionen – oder vielmehr glatte Produkte, die auf dem Kunstmarkt optimal funktionieren? Gemeinsam mit den Künstlern Billy Mullaney und Manolis Tsipos (Alumni DAS Theatre Amsterdam) und der Kulturwissenschaftlerin Cecilie Ullerup Schmidt (Promovendin an der Universität Kopenhagen) diskutieren die Teilnehmenden diese Fragen und erproben anhand eigener Arbeitsbeispiele verschiedene Kritikformate.

Workshop 3: DIE ORGANISATION. Kämpfe für Solidarität und Teilhabe in den Strukturen des Freien Theaters

Melmun Bajarchuu / Adele Dittrich Frydetzki (Initiative für Solidarität am Theater) und Marta Keil (Performing Arts Institute Warschau)
Sprache: Englisch

Welcher Praktiken bedarf es, um im Theater solidarischere Organisationsformen, die Öffnung von Entscheidungsprozessen und gerechtere Zugangsmöglichkeiten durchzusetzen? Und wie verändert sich Theaterarbeit, wenn sich die Beteiligten an einem Haus oder in einer Produktion als Kompliz*innen begreifen, die ihre eigene Position und ihre Privilegien ständig befragen? Wirken sich diese Kämpfe allein auf die Arbeitsbedingungen oder auch auf die Ergebnisse künstlerischer Arbeit und ihre öffentliche Wahrnehmung aus? Und wie kann es gelingen, sich nicht nur selbst zu bespiegeln, sondern diese Kämpfe stets auch als Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen zu denken? Diese Fragen diskutieren die Teilnehmenden gemeinsam mit Melmun Bajarchuu und Adele Dittrich Frydetzki von der Initiative für Solidarität am Theater und Marta Keil vom Performing Arts Institute anhand von eigenen Erfahrungsberichten, Konzepten und Ideen für alternative Organisationsformen.

Workshop 4: DIE SZENE. Zwischen kritischem Korrektiv und effizienter Kulturinstitution

S. E. Struck / Philine Velhagen (Palais Temporär) und Julian Kamphausen (Performing Arts Programm)
Sprache: Deutsch

In den letzten Jahren ist die Freie Szene zu einem ernst zu nehmenden, international vernetzten kulturpolitischen Player geworden. Gleichzeitig agieren viele freie Theaterschaffende nach wie vor in improvisierten Strukturen – sei es aufgrund mangelnder Unterstützung durch die lokale bzw. regionale Kulturpolitik oder aufgrund einer bewussten eigenen Entscheidung. Welche Rolle will das Freie Theater zukünftig in Kulturpolitik und Gesellschaft einnehmen? Ist es nach wie vor kritisches Korrektiv und Experimentierfeld oder vielmehr Vorbild für die wendige und effiziente Kulturinstitution von morgen? Und ist professioneller und umfangreicher ausgestattet automatisch besser? S. E. Struck (SEE!) und Philine Velhagen (Drama Köln), die in Köln mit dem Palais Temporär ein künstlerisches Labor und mobiles Zentrum ohne institutionelle Anbindung geschaffen haben, laden gemeinsam mit Julian Kamphausen (Performing Arts Programm) zur Diskussion über Zukunftsmodelle für das Freie Theater.