8.–18. Juni 2023 Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr
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Akademie #1 – Un/Safe Spaces

Von Sicherheit und Konfrontation in Theaterräumen
10.–11.06.
Sprache: Deutsch (einige Programmpunkte in Englisch; im Programm ausgewiesen)
Programmleitung: Tobias Herzberg
Produktionsleitung: Susanne Berthold

Das Freie Theater hat schon für viele Verunsicherungen gesorgt: ästhetisch und institutionell. Es hat Formgrenzen gesprengt, das Publikum in neue Rollen katapultiert, mit Arbeitsroutinen und Hierarchien gebrochen. Durch Verunsicherung des Altbekannten ist Neues entstanden. Ein Beharren auf Sicherheit kann mitunter als Bedrohung dieses Neuen erscheinen. Doch für viele Menschen ist Verunsicherung nicht nur provokante Strategie, sondern existenziell bedrohlich. Immer öfter werden daher Safe Spaces für Künstler*innen und Publikum gefordert, um allen sichere Teilhabe zu ermöglichen. Safe kann heißen, dass auf die Verwendung ausgrenzender und abwertender Begriffe verzichtet wird. Safe kann heißen, dass räumliche Strukturen verändert werden – das umfasst nicht nur die rollstuhlgängige Rampe, sondern auch All-Gender-Toiletten. Safe kann auch heißen, Menschen durch Inhalts- oder Trigger-Warnungen die Möglichkeit zu geben, sich vor der Begegnung mit verletzenden Inhalten zu schützen. Safe heißt, die Grenzen von Menschen zu respektieren und ihnen als verwundbaren Wesen achtsam zu begegnen.

Aber kann Theater als öffentlicher Ort überhaupt je ein Safe Space sein? Welche Widersprüche ergeben sich daraus zu künstlerischen Strategien der Verunsicherung, also zu Provokation und Grenzüberschreitung als Prinzipien künstlerischer Freiheit? Schließen sich Kunstfreiheit und Sicherheit am Ende sogar aus?

Die zweitägige AKADEMIE stellt diese Fragen zur Diskussion. Expert*innen aus der künstlerischen Praxis beziehen mit kontroversen Inputs Position und laden die Teilnehmer*innen in Workshops und Tischgesprächen zu gemeinsamen Erfahrungen und Debatten ein. Was gibt das Freie Theater auf, was kann es gewinnen, wenn es safer wird?


Die AKADEMIE #1 – UN/SAFE SPACES wird gefördert durch das NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste.

10.06.22 10:00–17:00 Tagesticket Tagesprogramm 11.06.22 10:00–17:00 Tagesticket Tagesprogramm

Die AKADEMIE #1 ist offen für alle Besucher*innen. Beide Tage können einzeln mit einem Tagesticket gebucht werden. Im Ticketpreis inkludiert sind das Mittagessen und der Shuttle zum SHOWCASE nach Mülheim an der Ruhr und zurück. Mit dem Tagesticket können auch einzelne Programmpunkte besucht werden.

© Anthea Petermann/ Illustration: Lelya Sehar
© Anthea Petermann/ Illustration: Lelya Sehar
© Anthea Petermann/ Illustration: Lelya Sehar

10.06.

10:00–10:30 Wessen Freiheit, wessen Körper, wessen Räume?

Begrüßung und Einführung von Tobias Herzberg (Programmleitung AKADEMIE #1)

Welche Art Sicherheit ist gemeint, wenn von Safe Spaces die Rede ist? Welche Bedürfnisse stehen neben- oder gegeneinander? Tobias Herzberg erläutert die Themen der AKADEMIE, steckt den begrifflichen Rahmen ab und stellt die Referent*innen vor.

10:30–11:00 (Un)Safe Space Öffentlichkeit? Über Abgrenzung und Pluralismus in Medien und Theater

Keynote von Miriam Walther (Theatermacherin, Geschäftsführerin „Republik”, Zürich)

In einer vielfältigen Gesellschaft haben Theater wie Medien die Aufgabe, vielfältigen Positionen eine Bühne zu geben. Doch wie sollen sie damit umgehen, wenn für diskriminierende oder gewaltsame Positionen Öffentlichkeit gefordert wird? (Keine) Toleranz den Intoleranten? Und was kann das Theater von anderen Plattformen lernen, die Öffentlichkeit herstellen?

11:00–11:30 Safer Spaces – Wie Utopie in künstlerische Praxis münden kann

Eine Fürsprache von Antigone Akgün (Freie Performerin, Dramaturgin und Autorin, Frankfurt am Main)

Dass Utopien sich nicht augenblicklich und widerstandslos umsetzen lassen, sollte kein Geheimnis mehr sein. Dennoch gibt es bereits zahlreiche Bestrebungen deutschsprachiger Theaterinstitutionen, safer zu werden und diskriminierungsfreie Räume für fragile künstlerische Prozesse zu ermöglichen. Wie gestalten sich diese Versuche? Welche Widrigkeiten, aber auch welche Unterstützung begegnen ihnen? Und: Welche Potenziale birgt Kunst, die unter saferen Bedingungen produziert wurde?

11:30–11:45 Kurze Pause

11:45–12:15 Safe Spaces – Unsafe Art. Eine Erwiderung aus der Praxis

Von: Sahar Rahimi (Regisseurin, Performerin, München)

Wenn wir Theater als einen Raum begreifen, in dem wir irritiert und mit glasklarem Verstand, staunend und mit kritischer Distanz, angewidert und analysierend, berauscht und reflektierend auf uns, die sogenannten Anderen und die Welt blicken – wenn wir Theater so begreifen, dann braucht es darin eine (künstlerische) Freiheit, die uns die Welt nicht gibt. Ein Plädoyer dafür, an die Rahmenbedingungen der Kunstproduktion und die künstlerischen Ergebnisse nicht die gleichen Maßstäbe anzulegen.

12:15–12:45 Q&A zu den Vorträgen

12:45–13:45 Mittagessen

13:45–16:45 Workshops

In drei parallel stattfindenden Workshops stellen Theatermacher*innen vor, wie sie in ihrer Arbeit Sicherheit bzw. Verunsicherung herstellen, und laden die AKADEMIE-Teilnehmer*innen zu praktischen Übungen ein. Die Zuteilung zu den Workshops erfolgt zu Beginn des ersten AKADEMIE-Tags.


Workshop 1: Von Immersion bis Inklusion. Wie Theaterräume Spieler*innen und Publikum befähigen oder behindern
Leitung: Yulia Yáñez Schmidt (Schauspielerin, Köln)

Immersion heißt „Eintauchen“. Immersive Performances lassen das Publikum in spielerische Settings eintauchen, in denen die Performer*innen mit ihren Figuren oft wie verwachsen erscheinen. Die klassische Trennung von Zuschauer*innen und Spieler*innen verschwimmt – Verunsicherung vorprogrammiert! Bekannteste Beispiele sind die ortsspezifischen Arbeiten der dänisch-österreichischen Performancegruppe SIGNA, mit denen Yulia Yáñez Schmidt in mehreren europäischen Städten gastierte. Als Schauspielerin mit körperlicher Behinderung ist sie seit der Spielzeit 2019/20 nun festes Mitglied des Inklusiven Schauspielstudios am Schauspiel Wuppertal, eines bundesweit einmaligen Modellprojekts. Rollenarbeit und Repertoirebetrieb im Stadttheater versus immersive site-specific Performance: Aus dem direkten Vergleich ihrer Erfahrungen zwischen Immersion und Inklusion entwickelt Yulia Yáñez Schmidt eine Bestandsaufnahme von Treppenhäusern und Theatertradition und animiert zum kritischen Eintauchen in die Bühnenarchitektur.


Workshop 2: Solidarisch sein, ohne sich beliebt zu machen. Weiße Privilegien verunsichern
Leitung: Iggy Malmborg, Johannes Maria Schmit (WHITE ON WHITE, Malmö/Stockholm)
Sprache: Englisch

WHITE ON WHITE ist die künstlerische Beziehung zwischen Iggy Malmborg und Johannes Maria Schmit. Zwischen 2009 und 2016 produzierten WHITE ON WHITE eine Serie von sechs Performances, die alle das ausdrückliche Ziel hatten, einen unsicheren Raum für Menschen mit weißen Privilegien zu schaffen – also die Selbstverständlichkeit zu erschüttern, mit der sich ein weißes Publikum mit den beiden weißen Performern identifiziert. Im Rahmen des Workshops gibt das Duo einen Einblick in die Strategien, die in der Serie angewendet wurden, und erklärt, warum sie mit der Amtseinführung von Donald Trump abrupt enden musste. Außerdem werden die Teilnehmenden in eine Reihe politischer Dilemmas verwickelt, die unsere Gegenwart prägen. Die zentrale Workshop-Frage lautet: Kann aus dem dialektischen Verhältnis von sicheren Arbeitsprozessen und konfrontativen Ästhetiken eine produktive Reibung entstehen?


Workshop 3: Fluchtwege aus der Heteronormativität. Ein Safe Space für Heteras
Leitung: Sibylle Peters (Performancekünstlerin und Kulturwissenschaftlerin, Hamburg)

Die heteronormative Welt ist für Frauen nicht safe. Sie verschleiert, wie häufig heterasexuelle Frauen sich gezwungen sehen, in intimen Begegnungen gegen das eigene Interesse und Begehren zu performen. Diese grundsätzliche Schieflage schafft Misstrauen und kann Liebe, Lust und Flirt schnell vergiften. Deshalb braucht es einen Safe Space für Heteras. Der HETERACLUB (15.–18.06. im Impulse-SHOWCASE) erreicht dies durch die Figur des female pimp, der weiblichen Zuhälterin. Unter ihrer Leitung trainieren die beteiligten Männer, sich in ihrer Begegnung mit den Heteras von deren Begehren führen zu lassen, Grenzen wahrzunehmen und zu respektieren. Das dauert. Wochen. Ist es möglich, Verfahren des Heteraclubs auf ein Workshop-Setting zu übertragen, in dem Heteras und Heteros gemeinsam nach Fluchtwegen aus der Heteronormativität suchen? Keine Garantien, nur ein Versuch.

17:00 Bus-Shuttle

Der Bus-Shuttle fährt zuerst zum STADTPROJEKT in Düsseldorf und von dort weiter zum SHOWCASE in Mülheim an der Ruhr.
Ankunft des Buses in Mülheim an der Ruhr gegen 20:00. Rückfahrt gegen 23:30.

Biografien

Antigone Akgün, geboren 1993 in Frankfurt am Main, studierte ebendort Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Philosophie und Dramaturgie. Als Performerin arbeitete sie u. a. mit Rosana Cade und Laurie Brown, Martina Droste und Boris Nikitin zusammen, daneben entstanden eine Textkomposition u. a. für Julia Wissert sowie ihr eigenes Stück „IN HER FACE oder die autorin ist tot“ an den Frankfurter Landungsbrücken. Antigone Akgün war 2021 Hans-Gratzer-Stipendiatin (Schauspielhaus Wien), leitete den Theatertreffen-Blog 2022 und führte Regie beim Stadtraum-Projekt „Der Brotladen nach Brecht“ (Theater Bremen, 2022).

Tobias Herzberg ist Dramaturg und Dozent am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien. Als Künstlerischer Leiter des Studio Я am Berliner Maxim Gorki Theater veranstaltete er die Queer Week „PUGS IN LOVE“ und weitere intersektionale Community-Festivals, Diskursreihen sowie Themenwochenenden, u. a. zu Presse-, Kunst- und Meinungsfreiheit. Von 2019 bis 2021 war er Dramaturg am Wiener Burgtheater.

Iggy Malmborg, geb. 1987 in Malmö, ist freier Schauspieler und Regisseur. Sein künstlerisches Interesse gilt der performativen Situation als Ereignis, und der Politik des Theaters als Maschinerie. Seit 2009 arbeitet er mit Johannes Maria Schmit unter dem Label WHITE ON WHITE zusammen. 2020–21 entwickelte er die Klanginstallation „No More” im Contemporary Art Museum, Estland. Im Januar 2022 hatte seine neue Arbeit „Iris, pupil, retina, etc.” am Rosendal Teater in Trondheim Premiere.

Sibylle Peters ist Performancekünstlerin und Kulturwissenschaftlerin. Sie ist künstlerische Leiterin des Forschungstheaters FUNDUS THEATER in Hamburg und Mitgründerin des Graduiertenkollegs „Performing Citizenship“. Wichtig sind ihr Theorie und Praxis der Versammlung, partizipative Forschungsprozesse, soziale Intimität, der Vortrag als Performance, Performancekunst für Kinder, der Unwahrscheinlichkeitsdrive und die feministische Seefahrt. Jüngste Arbeiten: „Women of the Seven Seas“, geheimagentur Hamburg 2021, „Queens. Der Heteraclub“ (IMPULSE-Showcase 2022).

Sahar Rahimi, geboren in Teheran, ist Regisseurin, Autorin und Performerin und lebt zurzeit In München. Sie studierte am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und ist Mitbegründerin der Performance-Gruppe Monster Truck. Sahar Rahimi arbeitet in den Bereichen Theater, Performance, Installation und Video in der Freien Szene und am Stadttheater. Im Zentrum ihrer Arbeit steht das Interesse an den ambivalenten Grenzbereichen von Macht und Ohnmacht.

Yulia Yáñez Schmidt arbeitet seit 2009 als Schauspielerin. Ihre ersten Arbeitserfahrungen sammelte sie als Performerin in den immersiven Performance-Installationen des dänisch-österreichischen Kollektivs SIGNA, mit denen sie an unterschiedlichen Häusern in Europa gastierte. Seit der Spielzeit 2019/20 ist sie festes Mitglied des Inklusiven Schauspielstudios am Schauspiel Wuppertal. Eine Bestandsaufnahme zwischen Treppenhäusern und Theatertradition.

Johannes Maria Schmit wurde 1981 in Trier geboren. Er studierte Regie an der HfS Ernst Busch, Berlin. Im Anschluss war Schmit als Hausregisseur am Centraltheater Leipzig engagiert. Seit 2011 arbeitet er frei im deutschsprachigen Raum sowie in Schweden, wo er mit Iggy Malmborg das Duo WHITE ON WHITE gründete. 2020 feierte Schmits Filmregiedebüt „Neubau“ (Buch: Tucké Royale) die Uraufführung beim Filmfestivals Max Ophüls Preis. Dort wurde er als Bester Spielfilm ausgezeichnet und dabei von der Jury besonders für seine „Kraft Empathie zu erzeugen“ gelobt.

Miriam Walther ist Regisseurin, Kultur- und Medienmanagerin. Aufgewachsen in Brasilien und der Schweiz, studierte sie Tanz und Theaterregie in New York und Zürich. Sie ist Mitbegründerin des transdisziplinären Künstler*innenkollektivs Neue Dringlichkeit sowie der Zürcher Produktionsplattform für Freies Theater ArtFAQ. Seit 2018 ist sie Geschäftsführerin des digitalen Magazins „Republik”.

11.06.

10:00–11:30 Who did Enjoy Racism?

Ein Re-Enactment von Publikumsreaktionen auf „Enjoy Racism“ von und mit Monika Truong (Theatermacherin und Soziologin, Zürich). Mitarbeit: Marque Pham
Sprache: Englisch

Monika Truong blickt zurück auf ihre Produktion „Enjoy Racism“ (entstanden in Zusammenarbeit mit Thom Reinhard, gezeigt u. a. im Impulse-SHOWCASE 2018). Darin wurde das Publikum anhand seiner Augenfarben in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe erfuhr Privilegien, die andere Diskriminierung. Die interaktive Inszenierung machte schmerzhaft spürbar, wie willkürlich die Verteilung von Privilegien und deren Verweigerung auf Grundlage körperlicher Eigenschaften strukturiert sind. In diesem Re-Enactment gewährt Monika Truong Einblick in dokumentierte Reaktionen des Publikums der Originalaufführung. Gemeinsam mit den Akademie-Teilnehmer*innen liest die Künstlerin Äußerungen, die bei den Aufführungen gefallen sind und erkundet die Auswirkungen der Inszenierung auf ihre eigene Haltung bezüglich safeness und Verletzlichkeit.

11:30–11:45 Kaffeepause

11:45–13:15 Tischgespräche mit Elisabeth Bernroitner, Denice Bourbon, Simone Dede Ayivi, Mable Preach, Sophia Stepf und Abhishek Thapar

Die Tischgespräche bieten die Gelegenheit, in kleiner Runde konkrete Fragestellungen mit ein oder zwei Expert*innen sowie untereinander zu diskutieren. Die Gespräche finden alle parallel statt, die Teilnehmenden müssen sich also für eines der angebotenen Themen entscheiden. Jedes Tischgespräch startet mit einer kurzen Einführung in das Thema durch die Expert*innen, danach wird frei miteinander gesprochen.

Tischgespräch 1: Theater im Glashaus. Wie entsteht Kunst im transkulturellen Schutzraum?
Gesprächsleitung: Elisabeth Bernroitner (Brunnenpassage, Wien)
Die Brunnenpassage arbeitet seit 2007 als Labor transkultureller Kunst in einer gläsernen ehemaligen Markthalle in einem Außenbezirk der Stadt Wien. Elisabeth Bernroitner leitet dort den Theaterbereich. Sie erläutert, wie ein sicherer, diversitätssensibler Rahmen kollektives Kunstschaffen ermöglicht, und lädt zum Gespräch über die Unwägbarkeiten der Kunstproduktion im transparenten Schutzraum.

Tischgespräch 2: Queere Comedy. Wie geht politischer Humor ohne Zuschreibungen und Ausschlüsse?
Gesprächsleitung: Denice Bourbon (PCCC* – Vienna’s First Queer Comedy Club, Wien)
Denice Bourbons goldene Comedy-Regel lautet: Nicht nach unten treten! Lachen aus Notwehr, auch gern über sich selbst. Und austeilen, zur Seite, nach oben und, of course, immer mit einem Augenzwinkern. Das Wiener Original lesbisch-queeren Entertainments lädt zum Gespräch über empowernde Witze und subversiven Spaß im Namen der Political Correctness.

Tischgespräch 3: Erfahrungen teilen. Welche Gesprächsräume brauchen marginalisierte Communities?
Gesprächsleitung: Simone Dede Ayivi (Autorin, Regisseurin, Berlin)
In ihrer dokumentarischen Installation THE KIDS ARE ALRIGHT (zu sehen im diesjährigen Impulse-SHOWCASE) widmet sich Simone Dede Ayivi den Familienerzählungen, Generationenkonflikten, politischen Kämpfen und Zukunftsvisionen in Familien mit Migrationserbe. Mit den Teilnehmenden des Tischgesprächs reflektiert sie ihre Arbeitsweise und spricht über das Interviewen von Zeitzeug*innen, die oft von Rassismus und Gewalt betroffen sind. Wie spricht man miteinander? Und was bedeutet Verantwortung im künstlerischen Umgang mit den Recherche-Ergebnissen?

Tischgespräch 4: Wir für uns. Welche Chancen birgt die Arbeit im All-BIPOC-Ensemble?
Gesprächsleitung: Mable Preach (Regisseurin, Aktivistin, Lukulule e.V., Hamburg)
Gemeinsam mit ihrem BIPOC-Darsteller*innen-Team begab sich Mable Preach auf eine bio-fiktionale Spurensuche nach weiblichen Akteurinnen im antikolonialen Widerstand. Im Tischgespräch diskutiert die Hamburger Regisseurin Herausforderungen und Grenzen eines Safer Space als Probenvoraussetzung und lädt zur Reflexion über die künstlerische Entwicklung antirassistischer Strategien aus junger weiblicher Perspektive.

Tischgespräch 5: White Money. Wie bilden sich globale Machtverhältnisse in den Darstellenden Künsten ab?
Gesprächsleitung: Sophia Stepf (Flinn Works, Berlin), Abhishek Thapar (Theatermacher und -forscher, Amsterdam)
Sprache: Englisch
2021 veranstaltete die Gruppe Flinn Works einen Versuch, die Grenzen der Kultur-Förderstrukturen auszudehnen: Im Rahmen eines zweitägigen Festivals gaben sie Fördergelder an Künstler*innen of Colour und aus dem globalen Süden weiter, um das Phänomen „White Money” unter die Lupe zu nehmen. „White Money” bezeichnet Kulturförderung von Europa für den Rest der Welt. Auch der Markt der Darstellenden Künste wird davon beherrscht. Inwieweit beeinflussen globale Hierarchien durch Geldflüsse künstlerische Prozesse, Inhalte und Ästhetiken? Welche kreativen Auswege aus den so entstehenden Abhängigkeiten sind denkbar?

13:15–14:15 Mittagessen

14:15–15:15 Speed-Dating

Im Eins-zu-eins-Setting tauschen die Teilnehmenden Erfahrungen und Erkenntnisse aus, die sie in den verschiedenen AKADEMIE-Formaten gesammelt haben. Fragen und Dauer der Gespräche werden vorgegeben. Ziel ist, in kurzer Zeit viele Perspektiven kennenzulernen.

15:15–15:30 Kaffeepause

15:30–16:45 Abschlussdiskussion

Moderation: Tobias Herzberg (Programmleitung AKADEMIE #1)

Antigone Akgün und Sahar Rahimi, die zu Beginn des ersten AKADEMIE-Tages gegensätzliche Positionen bezogen haben, reflektieren die jeweiligen Standpunkte und Eindrücke sowie mögliche Perspektivverschiebungen, die sich durch die AKADEMIE ergeben haben. Im Rahmen einer Fishbowl sind alle, die möchten, eingeladen, sich an der Diskussion beteiligen.

17:00 Bus-Shuttle

Der Bus-Shuttle fährt direkt zum SHOWCASE in Mülheim an der Ruhr. Rückfahrt gegen 24:00.

Biografien

Elisabeth Bernroitner ist Kuratorin transkultureller, (post-)migrantischer, zeitgenössischer Kunst- und Vermittlungsprojekte. Sie kuratiert und leitet seit 2011 den Programmbereich Theater und Performance im ArtSocialSpace Brunnenpassage Wien und ist an internationalen Projekten und Museumskooperationen beteiligt. Von 2016 bis 2019 war sie im Vorstand der IG Kultur Wien, von 2016 bis 2018 künstlerische und geschäftsführende Leiterin von PANGEA | Werkstatt der Kulturen der Welt in Linz. Davor arbeitete sie als Projektkoordinatorin am Tanzquartier Wien. Sie studierte u.a. Theaterwissenschaft und Kulturanthropologie sowie Visual Culture and Performance Art Practices in Wien und Madrid. Elisabeht Bernroitner ist als selbständige Diversitätstrainerin mit Schwerpunkt Kunst und Kultur tätig.

Denice Bourbon ist eine lesbisch/queer-feministische Performancekünstlerin, Sängerin, Autorin, Moderatorin, Kuratorin und Stand-up-Comedian. Sie verwendet Humor und Unterhaltung als aktivistisches Werkzeug, um auf politische Themen aufmerksam zu machen. Seit Jahren arbeitet sie als freie Künstlerin sowohl im Theater- als auch im Filmbereich. Sie hat gemeinsam mit Künstler*innen wie Katrina Daschner, Gin Müller, Veza Fernández, Sabine Marte, Stefanie Sourial, Stefanie Sargnagel, Amina Handke, Nesterval und an Wiener Häusern wie brut, WUK, WERK X, Ateliertheater, Kosmos Theater, Spektakel u. v. m. gearbeitet. Denice Bourbon kuratierte gemeinsam mit Denise Kottlett das erste queere Performancefestival Wiens „Straight To Hell“ (2015) und ist Co-Gründerin des queeren Stand-up-Comedy-Club PCCC*. 2018 war sie Teil des Nesterval-Ensembles in der Produktion „Das Dorf“.

Simone Dede Ayivi studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim. 2016 entwickelte sie an der akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße gemeinsam mit postmigrantischen Jugendlichen das Theaterprojekt „JETZT BIN ICH HIER!“, in dem sich diese mit ihrer aktuellen Lebenssituation in Deutschland auseinandersetzten. Im Rahmen von FIRST BLACK WOMAN IN SPACE war Ayivi mit der gesamten Produktion für drei Wochen Artist in Residence am Künstlerhaus Mousonturm. Seit 2012 arbeitet sie mit unterschiedlichen Kompliz*innen zusammen.

Mable Preach ist seit vielen Jahren in der Hamburger Kunstszene präsent – als Regisseurin bzw. Choreografin, als Kuratorin und Netzwerkerin. Sie ist Initiatorin des Festivals für urbane BIPoC-Jugendkultur FORMATION**NOW und Leiterin des Kultur- und Jugendvereins Lukulule. Zuletzt hat sie ihre Regiearbeit EMB*RACE YOUR CROWN** im Rahmen der Spielzeit-Eröffnung auf Kampnagel gezeigt. In ihrer Arbeit setzt sie sich kritisch mit Rassismus und (Neo-)Kolonialismus auseinander, fördert Empowerment und produziert alternative Bilder und Erzählungen zum weißen Mainstream.

Sophia Stepf ist Künstlerische Leiterin der Kompanie Flinn Works (Berlin) und arbeitet als Regisseurin, Kuratorin und Dozentin. Nach dem Dramaturgie-Studium in Leipzig und Toronto arbeitete sie als Assistentin und Dramaturgin für Theater der Welt und die Wiener Festwochen. Seit 2001 konzipiert und kuratiert sie regelmäßig Theaterprojekte und Fortbildungen in Indien, u.a. für das Goethe-Institut und die National School of Drama. Sie kuratierte das freie Theaterfestival Schwindelfrei in Mannheim von 2014 -2018. Mit Flinn Works ist sie u.a Preisträgerin der ZKB Förderpreises (Zürich), vier Meta Awards (Delhi) und der Tabori-Auszeichnung des Fonds Darstellende Künste 2021. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Abhishek Thapar, geboren 1985 in Moga, Indien, ist Theatermacher, Performer, Puppenspieler und Künstler. Er lebt in Amsterdam. Abhishek Thapar hat einen Postgraduierten-Abschluss in Physical Theatre von der London International School of Performing Arts (LISPA) und absolvierte das Masterprogramm DAS Theatre an der Amsterdamer Hochschule der Künste.

Monika Truong, Soziologin, Sinologin und Theatermacherin, arbeitet entlang der Ambivalenzen unserer gesellschaftlichen Normen im widersprüchlichen Erfahrungsraum von kleinstädtisch-schweizerischer Sozialisierung, chinesisch-vietnamesischer Herkunft, akademischen Ausbildungen und selbstständigen Arbeiten in der freien Theaterszene. Ihr Stück „Enjoy Racism“ (gem. mit Thom Reinhard) war u.a. im IMPULSE-Showcase 2018 zu sehen und hat im gleichen Jahr beim Festival Politik im Freien Theater den Festivalpreis gewonnen.