Impulse Theater Festival

Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr

13.— 23. Juni 2019

Akademie #1 — Kunst unter Druck

Freies Theater zwischen Rechtsruck, Identitätspolitiken und Selbstverantwortung
14.–17.06., Ringlokschuppen Ruhr
Leitung: Katalin Erdődi
Sprache: vorwiegend Englisch

Die Kultur ist weltweit zum ideologischen Schlachtfeld geworden: von Störaktionen rechtsextremer Gruppen und Forderungen, die Budgets kritischer Kunstinstitutionen zu kürzen, bis hin zur Abschaffung des Kulturministeriums in Brasilien und Repressionen gegen kritische Stimmen z. B. in Russland und der Türkei, aber auch in Ungarn und Polen. Gleichzeitig wird aus feministischen, antirassistischen und dekolonialen Perspektiven gefordert, Kunstfreiheit nicht absolut zu setzen, sondern tradierte Darstellungsweisen und Machtverhältnisse radikal infrage zu stellen und an ihrer Überwindung zu arbeiten.

Wie kann Kunstfreiheit unter diesen Bedingungen geschützt werden – und genutzt? Und was darf die Kunst? Die Akademie lädt dazu ein, Erfahrungen und Standpunkte zu diesen Fragen auszutauschen und an einem Manifest für die Kunstfreiheit mitzuwirken, das die aktuellen Debatten dokumentiert und Visionen für einen Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart skizziert. Grundlage des Manifests sind Impulsvorträge von Theaterschaffenden und Theoretiker*innen aus dem deutschsprachigen Raum wie auch von internationalen Beitragenden sowie ausführliche Diskussionen im Plenum und in kleineren Runden. Neben dem diskursiven Austausch laden ortsspezifische Performances zu einer unmittelbaren Konfrontation mit dem Thema des jeweiligen Tages ein.

Die Akademie versucht, einen Begriff von Kunstfreiheit zu entwickeln, der präzise unterscheidet zwischen Beschneidungen künstlerischer Freiheit mit dem Ziel, neue Hegemonien zu errichten, und kritischen Interventionen, die darauf ausgerichtet sind, die hegemoniale Tradition der westlichen Kunst selbst zu überwinden. Sie fragt, mit welchen Strategien die Freie Theaterszene nachhaltigen Widerstand gegen die gegenwärtigen Formen des Faschismus und Politiken der Ausgrenzung und Abwertung leisten kann. Dabei nimmt sie auch die Selbstverantwortung der Theaterschaffenden und ihrer Institutionen in den Blick, ihre eigene Praxis kritisch zu hinterfragen – von Darstellungsformen bis hin zu transnationaler Förderpolitik und ihren inhärenten Hierarchien. Die Akademie sucht schließlich auch nach Formen, in denen die Freie Theaterszene Konflikte um die Kunstfreiheit verhandeln kann, ohne in identitätspolitische Lagerkämpfe zu verfallen.

Das Manifest der Impulse-Akademie soll Antworten aus verschiedenen Perspektiven bieten, mögliche Wege zeigen und neue Fragen aufwerfen.

© Robin Junicke
© Robin Junicke
© Robin Junicke
© Robin Junicke
© Robin Junicke

14.06. DER KUNST IHRE FREIHEIT! — Strategien gegen den Rechtsruck

Wie reagieren Kunstschaffende in verschiedenen Ländern der Europäischen Union auf den zunehmenden Druck von rechts? Mit welchen künstlerischen und kulturpolitischen Strategien widersetzen sie sich der Bedrohung der Kunstfreiheit? Wie gehen sie mit Störaktionen, der Androhung von Budgetkürzungen und der zunehmenden Einflussnahme auf künstlerische Programme um? Von solidarischen Bündnissen über die vermehrte Vernetzung in der Szene bis hin zu kollektiven Versuchen, mit künstlerischen Mitteln einen wirksamen Dialog über Politik anzustoßen, wird ein breites Spektrum an Handlungsstrategien diskutiert — sowie die Frage, inwieweit die aktuelle Gesetzgebung die Freiheit der Kunst tatsächlich garantieren kann.

10:00 dorisdean (NRW): ZIRKELTRAINING GEGEN RECHTSPOPULISTISCHE ÄNGSTE

Ringlokschuppen Ruhr, Bühne 2
Sprache: Deutsch und Englisch

Hoch die Gewichte der Welt. Muskeln trainieren. Muskeln der Freiheit.
Wie frei sind wir auf den Bühnen, die die Welt bedeuten?
Gehen, rollen, stottern, weinen, am Reck der Zeit, mit dem ledernen Medizinball im Mund.
dorisdean lädt zum interaktiven Zirkeltraining ein. Wir stärken uns gegenseitig in unseren Schwächen.
30 Minuten schwitzen für die Kunst. Detox gegen rechtspopulistische Ängste.
Von und mit: dorisdean (Christopher Bruckman, Philipp Hohmann, Patrizia Kubanek, Miriam Michel, Charis Nass, Kübra Sekin)

11:00–17:00 Kurzvorträge, Diskussion, Tischgespräche, Redaktionsversammlung

11:00 Kurzvorträge von Rose Gibbs (Keep it Complex, London), Yvonne Gimpel (IG Kultur Österreich, Wien), Goran Injac (Mladinsko Theater, Ljubljana), Hannah Saar (Die Vielen, NRW), Hoang Tran Hieu Hanh (Gala Global / Turbo Pascal, Berlin), Sascha Wolf (Heinrich Heine-Universität, Düsseldorf)
13:00 Mittagessen
14:00 Podiumsdiskussion mit den Vortragenden, Moderation: Azadeh Sharifi (Berlin/München)
15:00 Pause
15:00 Tischgespräche mit den Vortragenden
16:00 Pause
16:15 Resümee und Redaktionsversammlung: Ein Manifest für die Kunstfreiheit
17:00 Shuttle zum Showcase in Düsseldorf

15.06. WESSEN FREIHEIT? — Kunstfreiheit als Privileg der Mehrheitsgesellschaft

Europaweit manifestiert sich der Aufstieg des Rechtspopulismus in einem antifeministischen Backlash und der Zunahme von Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit. Um dieser Entwicklung angemessen begegnen zu können, müssen Theaterschaffende ihre eigene Praxis aus feministischer, antirassistischer und dekolonialer Perspektive kritisch untersuchen — das gilt auch für das Konzept „Kunstfreiheit“ mit seinem trügerischen Universalitätsanspruch: Wer kann das Privileg dieser Freiheit genießen? Sollten der Kunstfreiheit unter bestimmten Bedingungen Grenzen gesetzt werden? Wie gehen Kunstschaffende damit um, dass sich die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse in den Strukturen ihrer Institutionen und deren Programm abbilden? Kann das Freie Theater seinem Selbstverständnis als diversifiziertem Ort gerecht werden oder ist es immer noch das Theater der Mehrheitsgesellschaft?

10:00 Performance/Frühstück mit EsRAP (Wien): COMEDY-SPEZIAL: AUSLÄNDER MIT VERGNÜGEN

dezentrale, Leineweberstraße 15–17, 45468 Mülheim an der Ruhr
Sprache: Deutsch

Das Künstlerinnenduo Esra und Enes Özmen alias EsRAP beglückt seine Fans nicht nur mit Musik, sondern auch mit Comedy-Performances, in denen sie über den migrantischen Alltag in Wien-Ottakring, das Aufwachsen in einer Gastarbeiterfamilie und vieles mehr erzählen: „Ich erzähl hier nicht nur meine eigenen Erfahrungen. Ich bin nicht nur die Esra, ich bin ein Teil der Gesellschaft. Ich trage ihre Diskriminierungen, das System des Rassismus undsoweiter undsofort, deswegen seh ich in meiner Arbeit auch die Verantwortung, das mit meiner Gesellschaft zu teilen. Es gibt unbequeme Wahrheiten, die wir nicht hören wollen … unbequeme Wahrheiten, Baby.“ Im Juni 2019 erscheint EsRAPs Debütalbum „Tschuschistan“. Bei der Impulse-AKADEMIE sind sie mit einem Comedy-Spezial zu Gast.

Von und mit: EsRAP (Esra Özmen, Enes Özmen)

11:30-17:30 Kurzvorträge, Diskussion, Tischgespräche, Redaktionsversammlung

Ringlokschuppen Ruhr, Bühne 3

11:30 Kurzvorträge von Rachida Aziz (Le Space, Brüssel), Jakob Hayner (Theater der Zeit, Berlin), Gin Müller (Wien), Yves Regenass (Lausen/Berlin), Franziska Werner (Sophiensæle, Berlin), Julia Wissert (Berlin)
13:30 Mittagessen
14:30 Podiumsdiskussion mit den Vortragenden, Moderation: Azadeh Sharifi (Berlin/München)
15:15 Pause
15:30 Tischgespräche mit den Vortragenden
16:30 Pause
16:45 Resümee und Redaktionsversammlung: Ein Manifest für die Kunstfreiheit
17:30 Shuttle zum Showcase in Düsseldorf

16.06. WES BROT ICH ESS, DES LIED ICH SING? — Kunstfreiheit zwischen antidemokratischen Tendenzen und internationaler Kulturpolitik

Lange Zeit haben Theaterschaffende in der Europäischen Union sich in Sicherheit gewiegt, während ihre Kolleg*innen in anderen politischen und kulturellen Kontexten Einschränkungen ihrer Freiheit bis hin zu scharfen Repressionen erfahren haben. Wie handeln Künstler*innen und Kunstinstitutionen unter antidemokratischen bzw. autoritären Regierungen, in denen öffentliche Mittel oft nur um den Preis politischer Anpassung vergeben werden? Oder wenn es kaum Unterstützung für die freien darstellenden Künste gibt? Und wie wirken sich die Förderkriterien westlicher Kulturpolitik auf die Kunstfreiheit aus, wenn sie in diesen Situationen mit Sonderprogrammen und Kooperationsprojekten interveniert?

10:00-16:00 Kurzvorträge, Diskussion, Tischgespräche, Redaktionsversammlung

Ringlokschuppen Ruhr

10:00 Kurzvorträge von Agata Adamiecka-Sitek (Warschau), Diya Naidu (Ef_Femininity, Bangalore), Henrique Saidel (Porto Alegre), Melis Tezkan (Biriken, Istanbul), Nelisiwe Xaba (Johannesburg) , Salam Yousry (The Choir Project, Kairo)
11:30 Pause
11:45 Podiumsdiskussion mit den Vortragenden, Moderation: Johanna-Yasirra Kluhs (Interkultur Ruhr, Essen)
12:30 Mittagessen
13:30 Tischgespräche mit den Vortragenden
14:30 Pause
14:45 Resümee und Redaktionsversammlung: Ein Manifest für die Kunstfreiheit

16:00-17:00 Stadtspaziergang/Performance von und mit Roman Osminkin (St. Petersburg): NOT A WORD ABOUT POLITICS

Sprache: Englisch
Treffpunkt: Ringlokschuppen Ruhr

Der Dichter, Performer und Videokünstler Roman Osminkin entführt das Publikum auf einen Spaziergang durch Mülheim, der lokale Geschichten und Merkmale der Stadt mit poetischen Interventionen verbindet, die seinem 2016 erschienenen Gedichtband „Not A Word About Politics!“ entlehnt sind. Darin thematisiert er u. a. die politische Repression in Russland, von der nicht nur Kunstschaffende, sondern große Teile der Gesellschaft betroffen sind: Sie reden kein Wort mehr über Politik. Mit scharfem Humor beschreibt Osminkin die gesundheitlichen Vorteile eines apolitischen Lebens, nimmt die Tagespolitik unter die Lupe, reflektiert über Vorstellungen von Heimat und Nationalismus und benennt mit gebührender Selbstironie den Kontrast zwischen der Realität politisch engagierter Kunstschaffender und ihrem Wunsch, Teil einer tatsächlich revolutionären Linken zu sein.

17:00 Shuttle zum Showcase in Düsseldorf

17.06., 10:00-14:00 EIN MANIFEST FÜR DIE KUNSTFREIHEIT

Am vierten Tag der AKADEMIE wird das „Manifest für die Kunstfreiheit“ fertiggestellt. In dieser letzten Redaktionsversammlung haben alle Akademieteilnehmer*innen mitsamt dem Publikum die Gelegenheit, das vorliegende Material nochmals einer kritischen Prüfung zu unterziehen, die Positionen des Manifests zu ergänzen und zu präzisieren sowie fehlende, aber relevante Punkte zu formulieren und zur Diskussion zu stellen. Der Prozess wird von den Redaktionsleiter*innen moderiert.

Programm

10:00 Redaktionsversammlung
13:00 Abschlussbrunch